Interview Piotr J. Lewandowski

Sie haben bei JONATHAN nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben und wurden dafür auch mehrfach ausgezeichnet. Wie sind Sie auf die Idee zum Film gekommen?
Die unglaublichsten Geschichten schreibt tatsächlich das wahre Leben – so wie auch diese. Denn JONATHAN basiert auf einer wahren Begebenheit. Als ich diese Geschichte hörte, war ich davon außergewöhnlich stark ergriffen und zu Tränen gerührt. Mir war sofort klar, dass ich sie einfach erzählen muss. Dabei stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage: Wie ist es möglich, dass heute in Deutschland bestimmte Themen weiterhin so stark tabuisiert oder verschwiegen werden? Und das nicht nur aus Respekt. Leider stecken oft Angst und geringe Toleranzgrenzen dahinter. So hat auch der reale „Burghardt“ sehr wenig Verständnis von seiner eigenen Familie erfahren, ähnlich wie „mein“ Burghardt. Psychisch und körperlich ist er dadurch völlig aus dem Gleichgewicht geraten und schließlich daran zerbrochen. Die Last des Lügengebäudes, das er selbst aufbaute, war einfach zu groß. Je tiefer ich bei meinen Recherchen in die Geschichte eingetaucht bin, desto schmerzhafter wurde es auch für mich. Ich verstehe bis heute nicht, wie manche Menschen ein solches Doppelleben führen können. Manchmal gibt es aber keine einfachen Lösungen. Paradoxerweise polarisiert das Thema Tod genauso stark wie das Thema Sexualität. Keine leichte Kost, vor allem für mich persönlich war es nicht einfach: Während des Schreibens, aber auch am Set. Zum Glück hatte ich ein unglaublich kreatives und leidenschaftliches Team, das mich auf dem Weg unterstützt hat. Denn auch ich habe Menschen verloren, die für mich ALLES bedeutet haben. JONATHAN zielt aufs Gefühl, gibt sich aber keinen Illusionen hin. Mein Ziel ist es, tiefgreifend von Familie und Freundschaft zu erzählen, geprägt von kleinen Gesten und liebevoll skizzierten Figuren. Die Geschichte soll die existenziellen Ängste und Träume eines jungen Mannes, eine moderne Familienkonstellation und das Thema Tod authentisch bespielen. Ich finde die Geschichte von JONATHAN überaus aktuell. Sie erzählt vom Hier und Jetzt, von Träumen, von Liebe, Hass, Toleranz und Akzeptanz. Viele Aspekte sind sehr eng mit meinem Leben und meinen eigenen Erfahrungen verknüpft und für mich daher sehr wichtig zu erzählen. Nicht zuletzt durch meine Kindheit, die ich zu einem großen Teil auf einem Biohof verbracht habe und die dortige Nähe zur Natur. Für mich ist es am wichtigsten, die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit der Figuren zu zeigen, ihren Alltag in diesem naturnahen Umfeld präzise nachzuzeichnen, aber auch ihren absoluten Lebenswillen und die Fantasie, mit der sie jeden Tag aufs Neue durchhalten, um ihre Träume nicht aus den Augen zu verlieren.

Obwohl der Film ein hartes Thema behandelt, zeichnet er sich durch eine gewisse Leichtigkeit aus. Diese Entscheidung haben Sie sicher bewusst getroffen. Wie haben Sie es geschafft, bei einem solch ernsten Thema diese besondere Stimmung zu kreieren?
Trotz der dramatischen Grundstimmung bei JONATHAN sollte der Humor nicht zu kurz kommen. Das Kreieren von wahrhaftigen Figuren und von erfrischenden, natürlichen, auch bissigen Dialogen und bitter-süßen Situationen ist mir genauso wichtig wie die Zuschauer zum Lachen zu bringen. So wie im wahren Leben Tragik und Humor sehr oft miteinander verknüpft sind und sich keinesfalls ausschließen, finde ich es essenziell, neben den dramatischsten Situationen immer wieder auch humorvolle Elemente einfließen zu lassen. Das sollte ein unverzichtbarer Bestandteil des Films sein! Natürlich muss man mit dem Thema Humor bei einer solchen Geschichte sehr sensibel umgehen, in der richtigen Dosierung führt es aber dazu, der Geschichte weitere Facetten zu geben, ihr letztlich auch mehr Tiefe zu verleihen. Was hier möglich ist, konnte ich auch sehr gut mit den Schauspielern ausloten, basierend auf ihren Erfahrungen, Erlebnissen und ihrer Fantasie. Wie befreiend und inspirierend die Zusammenarbeit hier sein kann, weiß ich – wenn man zulässt und fördert, was an Impulsen von den Darstellern beim Dreh entsteht.

Eine Besonderheit des Films sind die Naturaufnahmen, die immer wieder zu sehen sind. Wie kamen Sie auf diese Idee und weshalb haben Sie sich für diese Bilder entschieden?
Dieser Mikrokosmos, die Naturaufnahmen, stehen für mich auf emotionaler, oder besser gesagt auf metaphysischer Ebene für den Kreis des Lebens. Sie spiegeln die Bestandteile des Lebens wider und gehören zu den drei Säulen, den drei Themen des Films einfach dazu: Erwachsen werden, lieben lernen und sterben.

Jede einzelne Rolle scheint perfekt besetzt – war es besonders schwierig den Cast zu finden?
Bei der Besetzung habe ich intensiv mit Nina Haun zusammen gearbeitet. Sie konnte viel von ihrer Erfahrung einbringen und meine Vorstellungen immer sehr präzise in konkrete Vorschläge und Ideen umsetzen. Gemeinsam haben wir ein sehr starkes Team gebildet. Jannis Niewöhner war meine Traumbesetzung, ebenso wie André M. Hennicke. Jannis verkörpert Jonathan wirklich großartig, war extrem engagiert und brachte eine tolle Energie mit in das Projekt. Jannis Niewöhner hat dabei Ninas und mein Herz im Sturm erobert. Und André Hennicke war mein Burghardt, wie ich ihn mir nicht besser hätte wünschen können. Für mich waren „Jonathan“ und „Burghardt“ die wichtigsten Figuren und deren Konstellation musste einfach perfekt passen. Die anderen Schauspieler wie Max Mauff, Julia Koschitz, Barbara Auer und Thomas Sarbacher haben wir mit Blick auf diese zentrale Konstellation gecastet. Und man muss sie einfach alle lieben. Sie sind wirklich außergewöhnlich und ich bin froh, dass sie mir die Chance gegeben haben mit ihnen arbeiten zu können.

Interview Jannis Niewöhner

Sie spielen die Titelfigur JONATHAN. Wie würden Sie Jonathan beschreiben?
Jonathan ist ein junger Mann, dessen innere Gefühlswelt völlig überladen und durcheinander ist. Über allem steht das Gefühl der Verantwortung seiner Familie und Herkunft gegenüber, an die er unendlich stark gebunden ist, weil es zum einen wahnsinnig viel Liebe gibt, die allerdings in den wenigsten Momenten gezeigt wird, und zum anderen gibt es viele offene Fragen über die Vergangenheit, die beantwortet werden wollen. Jonathan will verstehen und wird sich erst lösen können, wenn Klarheit über die Welt besteht, in der er aufgewachsen ist. Dann erst kann er sich auf die Suche nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg und Glück machen.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Sein Feuer! Die Wut, die Liebe, die Trauer und das Glück, die Erschöpfung und die Sehnsucht nach einem Ausbruch, alles zusammen und gegeneinander. Jonathan ist mir in eigener Form sehr nah, so dass ich in jedem Moment beim ersten Lesen des Drehbuchs bei dieser Rolle war und mitgefühlt habe.

In JONATHAN geht es um eine Familie und ein lang gehütetes Familiengeheimnis, Sie spielen das jüngste Familienmitglied. Wie war die Zusammenarbeit mit den Kollegen, allen voran Ihrem Filmvater André M. Hennicke?
Ich glaube, es gab bisher kaum einen so erfahrenen, älteren Schauspieler mit dem ich so viele intensive Szenen hatte, bei dem ich mich aber auch so locker machen konnte. Und sich selbst beim Schauspielen zu entspannen, loslassen zu können um dann alles spielen und fühlen zu können, gehört für mich mit zu den wichtigsten Dingen beim Drehen. Das hatte ich mit André. Manchmal kann man ja das Gefühl haben, dass Schauspieler mit der Zeit an Spielwut und -lust verlieren. Die Zusammenarbeit mit André, Julia, Thomas und Barbara war so wichtig und schön, weil alle mit voller Zuneigung und Liebe für die Geschichte da waren. Ich konnte lernen, zugucken, mitspielen und genießen.

Interview André M. Hennicke

Sie spielen Burghardt, der weiß, dass er sterben wird. Wie würden Sie Burghardt und das Verhältnis zu seinem Sohn Jonathan beschreiben?
Wie lebt man mit solch einem Familiengeheimnis? Und das über Jahrzehnte? So etwas ist schwer zu spielen. Ich habe mir geholfen, indem ich mir als "Burghardt" in jeder Szene mit Jonathan vorgenommen habe: "Jetzt sage ich es ihm! Es ist nicht mehr viel Zeit." Und es dann doch nicht passiert. Das beschreibt, glaube ich, das Verhältnis zwischen den beiden ganz gut. Immer einatmen, nie ausatmen.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Für jeden ehrgeizigen Schauspieler zählt es zur "Königsdisziplin", einen Sterbenden zu spielen. Das sind Grenzbereiche des Darstellbaren. Und darum geht es in dem Beruf des Schauspielers, diese Grenzen auszuloten und vielleicht sogar zu überschreiten. Deshalb war ich elektrisiert, als ich das Drehbuch las. Eine Figur mit so vielen Problemen und Konflikten. Das war einfach herrlich. Das wollte ich unbedingt machen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Gab es viele Vorgespräche mit Regisseur Piotr J. Lewandowski? Haben Sie die anderen Darsteller bereits vor den Dreharbeiten getroffen?
Die medizinische Geschichte von "Burghardt" ist die Geschichte meiner Mutter. Sie hatte auch Krebs und ist innerhalb von 4 Wochen gestorben. Diese 4 Wochen war ich bei ihr. Jeden Tag, 24 Stunden. Wie ein Horrorfilm ist diese Zeit in meinem Gehirn eingebrannt. Ich habe beim Drehen "nur" das Sterben meiner Mutter vor Augen gehabt. Sie hat mir geholfen, diese Rolle so glaubhaft wie möglich darzustellen. Natürlich hat es auch viele Gespräche mit P. Lewandowski gegeben und viele Proben. Ihm ging es dabei auch wesentlich darum, uns auf diese ganz besondere Situation einzustimmen, da wir erst sehr spät in die Original-Location konnten. Also haben wir Schauspieler uns schon lange vor den Dreharbeiten getroffen, uns kennen gelernt, geprobt und getrunken. Mit Thomas Sarbacher allerdings hatte ich schon öfter gedreht. Erst sechs Monate zuvor hatten wir den Film "Solness", in dem Thomas einen Krebskranken spielt und ich sein bester Freund bin. Das sind die Besonderheiten des Filmgeschäfts.

Interview Julia Koschitz

Sie spielen die Pflegerin Anka, die als Außenstehende in Jonathans Familie kommt. Wie würden Sie Anka beschreiben? Wie nimmt Anka die Familie wahr?
Anka ist für mich der Inbegriff von Freiheit. Sie macht sich weder von Konventionen noch von üblichen Ängsten abhängig. Nicht mal von der Angst vorm Sterben. Sie hat einen überraschend unbeschwerten Umgang mit diesem Thema, das ihr durch ihre Arbeit im Hospiz dauernd begegnet. Ihre eigene Nahtoderfahrung beschreibt sie als etwas Wunderschönes. Gleichzeitig lebt sie ihr Leben mit einer großen Lust und Intensität. Sie sieht die Sprachlosigkeit in Jonathans Familie, das ständige Bestreben, die Dinge zu verdrängen und ahnt, dass dahinter eine Schwere steckt. Sie begegnet dem mit ihrer typischen Leichtigkeit. Wenn sie in ihrer eigenen Offenheit den Menschen einen Spiegel vorhalten kann, tut sie das mit dem Gestus der Verführung, nicht mit Zwang. Deshalb kommt sie den Menschen auch so nah.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Dass sie nicht greifbar ist. Ihre Freiheit birgt ein großes Geheimnis für mich. Auf der einen Seite wirkt sie unendlich lebensweise, gleichzeitig fragt man sich, ob sie nicht vor etwas wegläuft. Ich finde diese Rolle, wie alle anderen Rollen in dem Buch, subtil beobachtet. Liebevoll in all ihren Ambivalenzen, dem Leben sehr nah. Es wird vieles nicht erzählt, was trotzdem zwischen den Zeilen mitschwingt - das hat mich von Anfang an begeistert.

Gibt es eine Szene im Film, die Sie besonders gelungen finden? Wenn ja welche und warum?
Ich denke, die Szene zwischen den beiden Freunden Burghardt und Ron im Krankenhaus. Ich habe selten eine so mutige, berührende und gleichzeitig so wunderschöne Liebesszene in einem Film gesehen.

Interview Thomas Sarbacher

Sie spielen Burghardts verschollen geglaubten Jugendfreund Ron, der für Jonathan ein Fremder ist. Wie würden Sie Ron und das Verhältnis innerhalb der Familie beschreiben?
Ron begreift sehr schnell, dass die Verhältnisse, in die er hineingerät, kompliziert sind. Marthas heftige Reaktion auf sein Erscheinen zeigt ihm, dass die „alte Geschichte“ noch sehr lebendig ist und als er Jonathan im Krankenhaus begegnet, registriert er dessen Argwohn ihm gegenüber und auch das angespannte Verhältnis zu Burghardt. Zugleich muss Ron erst einmal verdauen, wie es um Burghardt tatsächlich steht, dass es so ernst ist, hat er nicht erwartet. Schließlich hat er damit auch seinen Platz gewählt, er will für Burghardt da sein und macht das auch deutlich. Der Konfrontation mit Jonathan weicht er nicht aus, provoziert aber auch nichts, für ihn geht es hier um anderes. Dass viel Unausgesprochenes und Verdrängtes in der Familie das Miteinander fast unmöglich macht, ist nicht sein Problem und er hält sich raus, soweit es geht. Dass er an der Entwicklung auch seinen Anteil hat, weiß er wohl, aber er lässt das auf sich beruhen. Sein Platz ist jetzt bei Burghardt und den behauptet er auch.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Zum einen die Geschichte von Liebe und Abschied. Daneben die Wiederbegegnung nach so langer Zeit und gleich sind sich beide wieder so nah. Die Momente des Glücks, das es für Ron in all der Zeit zuvor so nie gegeben hat. Ron ist aufrichtig, geradlinig, erwachsen, auch der Situation gewachsen, mit der er konfrontiert wird. Die Erschütterung und den Schmerz kann er mit ganzer Wucht annehmen, er weicht nicht aus.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielkollegen, gerade mit André M. Hennicke hatten Sie ja viele gemeinsame – und auch nicht ganz einfache – Szenen.
Das ganze Ensemble war einfach toll, es hat große Freude gemacht, zusammen zu arbeiten, es war jederzeit spürbar, dass alle voll bei der Sache waren. Das war schon ein besonderes Erlebnis. Und damit schließe ich das ganze Team mit ein, die Atmosphäre am Set war klasse. Die Arbeit mit André war einfach sehr schön, es ging alles leicht, denn er ist in der Rolle großartig.

Interview Barbara Auer

Sie spielen die Bäuerin Martha, Jonathans Tante und Burghardts Schwester. Wie würden Sie Martha und das Verhältnis innerhalb der Familie beschreiben?
Martha ist verbittert und einsam. Sie lebt zwar mit ihrem Bruder Burghardt und ihrem Neffen Jonathan auf demselben Hof, aber jeder bleibt für sich. Mit Burghardt spricht sie schon lange nicht mehr, weil sie ihm etwas, was vor langer Zeit passiert ist, nicht verzeihen kann. Nur zu Jonathan scheint sie eine emotionale Bindung zu haben und ihn liebt sie, trotz des ruppigen Umgangs miteinander.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Martha ist eine Figur, die als Rolle eher selten ist und dann kommt man vielleicht nicht unbedingt auf mich als Idealbesetzung. Das war das, was mich daran natürlich besonders gereizt hat. Ihre Verschrobenheit, Einsamkeit, die Vorstellung, was solch ein Leben mit harter Arbeit und geprägt von Enttäuschung aus einem macht.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Gab es viele Vorgespräche mit Regisseur Piotr J. Lewandowski? Haben Sie die anderen Darsteller bereits vor den Dreharbeiten getroffen?
Natürlich gab es Vorgespräche und wir haben auch Probentage vor Ort im Schwarzwald gehabt. Als erstes Kennenlernen hat Piotr mit Jannis und mir die Szene geprobt, in der wir miteinander ringen und am Ende gemeinsam im Dreck liegen. Das schweißt zusammen... Aber ich hatte auch ein Vorbild in meiner Verwandtschaft. Ich habe eine Tante, die Bäuerin ist und ihr Leben lang hart gearbeitet hat. Auch jetzt, mit über neunzig Jahren, lebt sie noch allein auf ihrem Hof, der natürlich nicht mehr bewirtschaftet wird. Aber als Kind habe ich sie immer arbeitend in Erinnerung, jeder Tag war durch die Arbeit bestimmt: Stall, Küche, Feld, Kinder.

Interview Jannis Niewöhner

Sie spielen die Titelfigur JONATHAN. Wie würden Sie Jonathan beschreiben?
Jonathan ist ein junger Mann, dessen innere Gefühlswelt völlig überladen und durcheinander ist. Über allem steht das Gefühl der Verantwortung seiner Familie und Herkunft gegenüber, an die er unendlich stark gebunden ist, weil es zum einen wahnsinnig viel Liebe gibt, die allerdings in den wenigsten Momenten gezeigt wird, und zum anderen gibt es viele offene Fragen über die Vergangenheit, die beantwortet werden wollen. Jonathan will verstehen und wird sich erst lösen können, wenn Klarheit über die Welt besteht, in der er aufgewachsen ist. Dann erst kann er sich auf die Suche nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg und Glück machen.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Sein Feuer! Die Wut, die Liebe, die Trauer und das Glück, die Erschöpfung und die Sehnsucht nach einem Ausbruch, alles zusammen und gegeneinander. Jonathan ist mir in eigener Form sehr nah, so dass ich in jedem Moment beim ersten Lesen des Drehbuchs bei dieser Rolle war und mitgefühlt habe.

In JONATHAN geht es um eine Familie und ein lang gehütetes Familiengeheimnis, Sie spielen das jüngste Familienmitglied. Wie war die Zusammenarbeit mit den Kollegen, allen voran Ihrem Filmvater André M. Hennicke?
Ich glaube, es gab bisher kaum einen so erfahrenen, älteren Schauspieler mit dem ich so viele intensive Szenen hatte, bei dem ich mich aber auch so locker machen konnte. Und sich selbst beim Schauspielen zu entspannen, loslassen zu können um dann alles spielen und fühlen zu können, gehört für mich mit zu den wichtigsten Dingen beim Drehen. Das hatte ich mit André. Manchmal kann man ja das Gefühl haben, dass Schauspieler mit der Zeit an Spielwut und -lust verlieren. Die Zusammenarbeit mit André, Julia, Thomas und Barbara war so wichtig und schön, weil alle mit voller Zuneigung und Liebe für die Geschichte da waren. Ich konnte lernen, zugucken, mitspielen und genießen.

Interview André M. Hennicke

Sie spielen Burghardt, der weiß, dass er sterben wird. Wie würden Sie Burghardt und das Verhältnis zu seinem Sohn Jonathan beschreiben?
Wie lebt man mit solch einem Familiengeheimnis? Und das über Jahrzehnte? So etwas ist schwer zu spielen. Ich habe mir geholfen, indem ich mir als "Burghardt" in jeder Szene mit Jonathan vorgenommen habe: "Jetzt sage ich es ihm! Es ist nicht mehr viel Zeit." Und es dann doch nicht passiert. Das beschreibt, glaube ich, das Verhältnis zwischen den beiden ganz gut. Immer einatmen, nie ausatmen.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Für jeden ehrgeizigen Schauspieler zählt es zur "Königsdisziplin", einen Sterbenden zu spielen. Das sind Grenzbereiche des Darstellbaren. Und darum geht es in dem Beruf des Schauspielers, diese Grenzen auszuloten und vielleicht sogar zu überschreiten. Deshalb war ich elektrisiert, als ich das Drehbuch las. Eine Figur mit so vielen Problemen und Konflikten. Das war einfach herrlich. Das wollte ich unbedingt machen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Gab es viele Vorgespräche mit Regisseur Piotr J. Lewandowski? Haben Sie die anderen Darsteller bereits vor den Dreharbeiten getroffen?
Die medizinische Geschichte von "Burghardt" ist die Geschichte meiner Mutter. Sie hatte auch Krebs und ist innerhalb von 4 Wochen gestorben. Diese 4 Wochen war ich bei ihr. Jeden Tag, 24 Stunden. Wie ein Horrorfilm ist diese Zeit in meinem Gehirn eingebrannt. Ich habe beim Drehen "nur" das Sterben meiner Mutter vor Augen gehabt. Sie hat mir geholfen, diese Rolle so glaubhaft wie möglich darzustellen. Natürlich hat es auch viele Gespräche mit P. Lewandowski gegeben und viele Proben. Ihm ging es dabei auch wesentlich darum, uns auf diese ganz besondere Situation einzustimmen, da wir erst sehr spät in die Original-Location konnten. Also haben wir Schauspieler uns schon lange vor den Dreharbeiten getroffen, uns kennen gelernt, geprobt und getrunken. Mit Thomas Sarbacher allerdings hatte ich schon öfter gedreht. Erst sechs Monate zuvor hatten wir den Film "Solness", in dem Thomas einen Krebskranken spielt und ich sein bester Freund bin. Das sind die Besonderheiten des Filmgeschäfts.

Interview Julia Koschitz

Sie spielen die Pflegerin Anka, die als Außenstehende in Jonathans Familie kommt. Wie würden Sie Anka beschreiben? Wie nimmt Anka die Familie wahr?
Anka ist für mich der Inbegriff von Freiheit. Sie macht sich weder von Konventionen noch von üblichen Ängsten abhängig. Nicht mal von der Angst vorm Sterben. Sie hat einen überraschend unbeschwerten Umgang mit diesem Thema, das ihr durch ihre Arbeit im Hospiz dauernd begegnet. Ihre eigene Nahtoderfahrung beschreibt sie als etwas Wunderschönes. Gleichzeitig lebt sie ihr Leben mit einer großen Lust und Intensität. Sie sieht die Sprachlosigkeit in Jonathans Familie, das ständige Bestreben, die Dinge zu verdrängen und ahnt, dass dahinter eine Schwere steckt. Sie begegnet dem mit ihrer typischen Leichtigkeit. Wenn sie in ihrer eigenen Offenheit den Menschen einen Spiegel vorhalten kann, tut sie das mit dem Gestus der Verführung, nicht mit Zwang. Deshalb kommt sie den Menschen auch so nah.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Dass sie nicht greifbar ist. Ihre Freiheit birgt ein großes Geheimnis für mich. Auf der einen Seite wirkt sie unendlich lebensweise, gleichzeitig fragt man sich, ob sie nicht vor etwas wegläuft. Ich finde diese Rolle, wie alle anderen Rollen in dem Buch, subtil beobachtet. Liebevoll in all ihren Ambivalenzen, dem Leben sehr nah. Es wird vieles nicht erzählt, was trotzdem zwischen den Zeilen mitschwingt - das hat mich von Anfang an begeistert.

Gibt es eine Szene im Film, die Sie besonders gelungen finden? Wenn ja welche und warum?
Ich denke, die Szene zwischen den beiden Freunden Burghardt und Ron im Krankenhaus. Ich habe selten eine so mutige, berührende und gleichzeitig so wunderschöne Liebesszene in einem Film gesehen.

Interview Thomas Sarbacher

Sie spielen Burghardts verschollen geglaubten Jugendfreund Ron, der für Jonathan ein Fremder ist. Wie würden Sie Ron und das Verhältnis innerhalb der Familie beschreiben?
Ron begreift sehr schnell, dass die Verhältnisse, in die er hineingerät, kompliziert sind. Marthas heftige Reaktion auf sein Erscheinen zeigt ihm, dass die „alte Geschichte“ noch sehr lebendig ist und als er Jonathan im Krankenhaus begegnet, registriert er dessen Argwohn ihm gegenüber und auch das angespannte Verhältnis zu Burghardt. Zugleich muss Ron erst einmal verdauen, wie es um Burghardt tatsächlich steht, dass es so ernst ist, hat er nicht erwartet. Schließlich hat er damit auch seinen Platz gewählt, er will für Burghardt da sein und macht das auch deutlich. Der Konfrontation mit Jonathan weicht er nicht aus, provoziert aber auch nichts, für ihn geht es hier um anderes. Dass viel Unausgesprochenes und Verdrängtes in der Familie das Miteinander fast unmöglich macht, ist nicht sein Problem und er hält sich raus, soweit es geht. Dass er an der Entwicklung auch seinen Anteil hat, weiß er wohl, aber er lässt das auf sich beruhen. Sein Platz ist jetzt bei Burghardt und den behauptet er auch.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Zum einen die Geschichte von Liebe und Abschied. Daneben die Wiederbegegnung nach so langer Zeit und gleich sind sich beide wieder so nah. Die Momente des Glücks, das es für Ron in all der Zeit zuvor so nie gegeben hat. Ron ist aufrichtig, geradlinig, erwachsen, auch der Situation gewachsen, mit der er konfrontiert wird. Die Erschütterung und den Schmerz kann er mit ganzer Wucht annehmen, er weicht nicht aus.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielkollegen, gerade mit André M. Hennicke hatten Sie ja viele gemeinsame – und auch nicht ganz einfache – Szenen.
Das ganze Ensemble war einfach toll, es hat große Freude gemacht, zusammen zu arbeiten, es war jederzeit spürbar, dass alle voll bei der Sache waren. Das war schon ein besonderes Erlebnis. Und damit schließe ich das ganze Team mit ein, die Atmosphäre am Set war klasse. Die Arbeit mit André war einfach sehr schön, es ging alles leicht, denn er ist in der Rolle großartig.

Interview Barbara Auer

Sie spielen die Bäuerin Martha, Jonathans Tante und Burghardts Schwester. Wie würden Sie Martha und das Verhältnis innerhalb der Familie beschreiben?
Martha ist verbittert und einsam. Sie lebt zwar mit ihrem Bruder Burghardt und ihrem Neffen Jonathan auf demselben Hof, aber jeder bleibt für sich. Mit Burghardt spricht sie schon lange nicht mehr, weil sie ihm etwas, was vor langer Zeit passiert ist, nicht verzeihen kann. Nur zu Jonathan scheint sie eine emotionale Bindung zu haben und ihn liebt sie, trotz des ruppigen Umgangs miteinander.

Was hat Sie an der Rolle besonders gereizt?
Martha ist eine Figur, die als Rolle eher selten ist und dann kommt man vielleicht nicht unbedingt auf mich als Idealbesetzung. Das war das, was mich daran natürlich besonders gereizt hat. Ihre Verschrobenheit, Einsamkeit, die Vorstellung, was solch ein Leben mit harter Arbeit und geprägt von Enttäuschung aus einem macht.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Gab es viele Vorgespräche mit Regisseur Piotr J. Lewandowski? Haben Sie die anderen Darsteller bereits vor den Dreharbeiten getroffen?
Natürlich gab es Vorgespräche und wir haben auch Probentage vor Ort im Schwarzwald gehabt. Als erstes Kennenlernen hat Piotr mit Jannis und mir die Szene geprobt, in der wir miteinander ringen und am Ende gemeinsam im Dreck liegen. Das schweißt zusammen... Aber ich hatte auch ein Vorbild in meiner Verwandtschaft. Ich habe eine Tante, die Bäuerin ist und ihr Leben lang hart gearbeitet hat. Auch jetzt, mit über neunzig Jahren, lebt sie noch allein auf ihrem Hof, der natürlich nicht mehr bewirtschaftet wird. Aber als Kind habe ich sie immer arbeitend in Erinnerung, jeder Tag war durch die Arbeit bestimmt: Stall, Küche, Feld, Kinder.